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Wolfsrudel und Draisinenfahrt

So, nun ist es doch mal an der Zeit, ein wenig zurück zu blicken, Motor-Geschichte zu erzählen und sentimental zu werden.

Zarte sechs Jahre bin ich nun bei Motor Hennigsdorf gewesen. Anfangs als siebzehnjähriges "Küken", das der Türsteher um Punkt Mitternacht von der Tanzfläche des Right-Now-Konzerts geholt hat. Seitdem ist eine Menge passiert.



Unvergessen die ersten Jahre, in denen "kulturelle Aktivitäten", fast immer zusammen mit dem Fußballclub, nach einem Spieltag gang und gäbe waren. Freitagabend Fairplay, Sektduschen, Grieche, zahllose Mixturniere... die Ausläufer der Motor-Party-Zeit. Eine Saison in der Landesliga, an deren Ende der Aufstieg stand. Große Freude bei allen anderen - für mich eher wenig bedeutsam, hatte ich leistungstechnisch doch nicht viel dazu beigetragen.



Nach der ersten Saison Brandenburgliga die bedeutsamste Veränderung für mich. Anni und Cindy wechselten den Verein, womit die Mannschaft ohne Kapitän war. Zu diesem Zeitpunkt war ich weit genug integriert, um die Entscheidung auf mich fallen zu lassen. Es gab keine Abstimmung, jedoch auch keine (mir bekannten) Proteste. Mir schien es sinnvoll, hatte ich doch das Gefühl, der Aufgabe gewachsen zu sein.

Haha.

Diese Saison wird mir immer in Erinnerung bleiben. Unvergessen die Aufschlagserie einer Cottbusser Spielerin gegen uns - rund 15 Aufschläge, von denen wir vielleicht ein Drittel hochbrachten, wonach zwei Mal Zuspiel abgepfiffen wurde und der Rest als Dankeball rübergespielt werden musste. Nach dem Spiel klatschte ich mit der anderen Mannschaft ab, unterschrieb das Protokoll, ging nach draußen und heulte.

Wir gewannen in dieser Saison ein einziges Spiel, ein Heimspiel am 21. Dezember (auch bei dieser Gelegenheit heulte ich - ihr seht, ich war mit all meinen Emotionen dabei). Zwei verlorene Tiebreaks brachten uns in Summe auf fünf Punkte in der Tabelle.

In dieser Saison lernte ich einen Satz zu hassen: "Ihr habt/Wir haben/Motor hat halt keine Führungsspielerin!". Ich hätte am liebsten zurück gebrüllt: "Was soll ich denn noch tun? Ich geb schon alles, was ich kann!". In dieser Saison hat das nicht gereicht.

Und dann gewannen wir die Relegation, die wir nur deshalb spielten, weil sich eine Mannschaft kurz vor dem Saisonstart aus der BBL abgemeldet hatte. Wir gewannen somit das Recht, auch die nächste Saison in der BBL zu spielen.

Die Entscheidung darüber sollte in Heikes Garten in Velten, mit Stockbrot und Pfeffi am Lagerfeuer getroffen werden. Doch zu einer Einigung kam es nie. Denn wenn wir einerseits besser waren als Erkner II und der VC Teltow/Kleinmachnow (jeweils Dritte der Landesligen), warum sollten diese BBL spielen dürfen und wir nicht? Andererseits hatten wir gerade eine Saison lang auf den Sack bekommen und es war klar, dass eine unserer besten Spielerinnen uns verlassen würde.

Wenige Tage später rief Marcel mich an: "Lena, wir müssen eine Entscheidung treffen." Es wurde die Landesliga, wenig überraschend, da wir uns beide von Beginn an dafür ausgesprochen hatten. Teltow/Kleinmachnow stieg auf.

Am ersten Spieltag in der Landesliga verloren wir 1:3 gegen Zepernick und 0:3 gegen Hohen Neuendorf. Ich habe das Gefühl bitterer Befriedigung nie so gut verstanden wie in diesem Moment. Als Brandenburgligaabsteiger nach dem ersten Spieltag gleich mal auf dem letzten Platz - autsch! Doch wir kämpften uns zurück, Spieltag für Spieltag, bis wir am Ende auf Platz Vier landeten.
Teltow/Kleinmachnow endete in der Brandenburgliga auf dem letzten Platz mit vier Punkten. Die Mannschaft löste sich auf.

Und allmählich fand ich mich in meiner Rolle als Kapitänin zurecht. Ich war nicht mehr das Küken und allmählich hatte ich herausgefunden, wann ich einzugreifen hatte, welchen Ton ich wem gegenüber anschlagen kann und was gemacht werden muss.

*Sarkasmus an* Also genau der richtige Zeitpunkt, ein halbes Jahr ins Ausland zu verschwinden. *Sarkasmus aus*  Zu diesem Zeitpunkt gab es einen Trainerwechsel: Von Marcel zu Ossi, mit dem ungewöhnlichen Luxus einer Übergangszeit, in der beide anwesend waren.

Als ich wieder kam (ich hatte die Pause von all den Verpflichtungen des Kapitänsjobs sehr genossen) stand für mich fest: Das ist mein Team! Wer meinem Team was will, der muss erstmal an mir vorbei! Ich brauchte ein paar Tage, um die veränderte Dynamik zu begreifen: Unsere Jugend-forscht-best-friends-forever hatte sich weiter entwickelt, Ossi hatte eine ganz andere Herangehensweise als Trainer, Caro und Mella waren als neue Spielerinnen hinzugekommen. Doch es lief besser als je zuvor und hätten Ossi und ich nicht am Tag der Relegation zum Erste-Hilfe-Lehrgang für die Trainerlizenz gemusst, vielleicht wäre schon das der Aufstieg gewesen. Doch wir waren bei dem Lehrgang und während wir lernten, wie man Sportverletzungen behandeln soll, verletzte sich Racine schwer und unsere gerade mal sechs Spielerinnen starke Mannschaft wurde spielunfähig.

Von der letzten Saison ist den meisten sicherlich noch eine Menge in Erinnerung geblieben. Zusammenfassend kann man wohl sagen: Wir kamen, sahen und siegten (Vorausgesetzt, wir waren spielfähig). Langweilig? Manchmal vielleicht. Zu stark für die Landesliga? Offensichtlich. Gut genug für die Brandenburgliga? Das wird sich zeigen...



Genug der Geschichte.

Für mich ist es Zeit, mit dem Kapitel des Kapitän-Seins abzuschließen. Vier Jahre scheinen eine gute Zeit im Sport zu sein. Olympia, EM, WM...so vieles im Sport ist auf einem Vier-Jahres-Rhythmus aufgebaut. Norming, Storming, Forming, Performing - für jede Phase ein Jahr, das könnte passen.
Bleibt als letzte Phase das Adjourning. Als Kapitänin natürlich, nicht als Spielerin.

Auch mein Bauchgefühl sagt mir, dass es passt. Nicht nur, dass ich wieder ein halbes Jahr weg bin, ein halbes Jahr, in dem sich vielleicht entscheiden wird, wie es in den nächsten Jahren weitergeht mit dem Spielbetrieb von Motor Hennigsdorf auf Landesebene. Unabhängig vom Stand in der Tabelle: Ist die Mannschaft stark genug, der Belastung einer enorm großen Trainingsgruppe in einer starken Liga, in der viele noch nie gespielt habe, standzuhalten?

Ich wäre vielleicht nicht schlecht geeignet, in dieser Zeit an der Spitze der Mannschaft zu stehen. Aber - wie drück ich's aus - vielleicht werde ich alt :-) .

Früher kam es mir vor wie ein Wolfsrudel, das plötzlich führerlos war und eines der jüngeren Tiere hat die Rolle mit viel Zähne fletschen, trotz vieler Fehlern und dadurch immer wieder die Pflicht, sich behaupten zu müssen, übernommen.

Jetzt fühl ich mich manchmal eher wie eines der fett gewordenen, alten Tiere, die in ihrer Höhle hocken und alles misstrauisch beobachten. Sobald die jungen Rudelmitglieder Beute anschleppen, kommen sie mal kurz raus, knurren die Welpen kurz an, worauf diese sofort den Schwanz einziehen, schnappen sich das beste Stück Fleisch und ziehen sich wieder zurück.

Vielleicht bin ich noch nicht gaaaanz so fett und alt, wie das Beispiel suggeriert - aber ihr versteht bestimmt, was ich meine ;)

Es wird Zeit, dass mal wieder ein junges Rudelmitglied die Führung übernimmt, nicht immer die ausgetrampelten Wege läuft, die Stimmung aufheizt und alle wachrüttelt. Auch kleine Kämpfe innerhalb des Rudels sind gutes Training ;-)

Seid lieb zu Lina und Jule. Als Mannschaftskapitän fühlt man sich manchmal, als würde man mit seiner Mannschaft in einer Fahrraddraisine sitzen. Alle trampeln, um das Ding in Bewegung zu halten. Nur du sitzt rückwärts (wenn du Glück hast mit deinem Trainer) und alle anderen vorwärts. Du siehst also auch den Räumwagen, der mit konstanter Geschwindigkeit in gewissem Abstand hinter euch her fährt, die meisten in deinem Team nicht. Nur wenige denken daran, mal einen Blick nach hinten zu werfen.
Solange die Strecke horizontal ist, ist alles kein Problem. Die Mannschaft strampelt, die Geschwindigkeit bleibt konstant. Dann kommt der erste Anstieg.

Doch anstatt mehr Kraft einzusetzen, macht die Mannschaft weiter wie zuvor. Die Geschwindigkeit wird geringer, der Räumwagen kommt näher. Du brüllst deine Kommandos, gibst Anweisungen, dass sich doch mal bitte alle etwas mehr anstrengen sollen, sonst werdet ihr aus dem Gleis geworfen.
Ein paar hören auf dich.
Ein paar ignorieren dich und machen einfach weiter wie bisher.
Und ein paar steigen aus und gehen Blümchen pflücken.

Also strengst du dich umso mehr an, um dem Räumwagen zu entkommen. Ein paar ziehen mit und mit deinem Trainer kannst du dir wahrscheinlich das Schweißtuch und die Wasserflasche teilen.
Meistens geht es gut und ihr erreicht den Gipfel, bevor der Räumwagen euch erreicht.
Dann geht's den Berg wieder runter.

Du und einige deiner Teammitglieder sind knülle. Ihr habt die ganze Zeit gegeben was möglich war, ihr seid rundum fertig, habt überhaupt keine Lust mehr und wollt den Wagen einfach nur runter rollen lassen. "Pause", rufst du den anderen zu, "ruht euch mal ne Runde aus!".

Ein paar, die den Berg hoch mitgezogen haben, hören dankbar auf dich.
Ein paar ignorieren dich wie schon zuvor.
Und die Blümchenpflücker kommen zurück und möchten sich jetzt endlich auch mal wieder ein wenig körperlich betätigen, sie haben so lange nichts gemacht, jetzt könnte man ja mal wieder ein bisschen in die Pedale treten. Als Team, versteht sich.

Dann fangen einige an zu strampeln, noch während der Weg abschüssig ist. Ihr nehmt Geschwindigkeit auf und werdet schneller und schneller - dann wirfst du einen Blick nach vorne und siehst die nächste Kurve, aus der ihr rausfliegen könntet, den nächsten Anstieg, für den ihr die Kraft brauchen werdet, genießt noch mal für einen Moment den Fahrtwind und die Aussicht, bevor du dich wieder daran machst, deinen kunterbunten Haufen wundervoller und liebenswerter Menschen zu koordinieren.

Ich hab die Fahrt mit euch genossen. Nicht immer, aber meistens. Ich kenne mich jetzt quasi mit unserer mannschaftsinternen Draisine aus und kann die Ressourcen relativ gut einschätzen. Nicht, dass ich keine Fehler mehr machen würde, aber ich bemerke sie inzwischen recht früh.
Wie langweilig.
Ich setze mich jetzt auf einen anderen Platz, genieße etwas mehr die Aussicht und mach mir nicht mehr ganz so viele Gedanken um das Räumfahrzeug und die nächste Kurve.

In diesem Sinne:
Gute Fahrt!

Eure Lena

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